Je näher der Umzug rückte, desto größer wurden die Zweifel. Sicher, ich spare fast $500 im Monat, doch wenn ich darüber nachdachte, was ich mit dem Geld so machen könnte, war “eine schönere Wohnung mieten” die Nummer eins auf der Liste. Aber das war müßig, denn die Verträge waren unterschrieben und alles organisiert.
Das Spannendste beim Umziehen ist immer die Schlüsselübergabe. In welchem Zustand wird die Wohnung sein? Welche Überraschungen warten, die man bei der Besichtigung übersehen hat? Mein Eindruck bei der Schlüsselübegabe am Freitag war positiv: Die Wohnung war größer als ich sie in Erinnerung hatte, und alles war in akzeptablem Zustand, bis auf die Jalousien im Schlafzimmer, die aber demnächst ausgetauscht werden. Nur eines störte mich gewaltig: Es roch muffig, Marke “Altes Ferienholzhaus in Dänemark”, oder “Oma mit drei Katzen”. Waren meine Vormieter etwa Raucher, und Qualmreste mischten sich mit dem Teppichreiniger zu diesem Duft? Egal, erst einmal umziehen, vielleicht kann man später etwas machen, dachte ich mir.
Da die neue Wohnung nur 10km von der alten entfernt ist, fuhr ich schon am Freitag mit Jarys Honda CRV und meinem Sebring vier Autoladungen Kleinkram in die neue Wohnung, und auch am Samstag lud ich noch einmal mein Auto voll, damit wir uns am ”großen” Umzugstag, dem Sonntag, auf die größeren Möbel konzentrieren konnten. Ich hatte bei Uhaul einen kleinen Laster reserviert, für nur $29.90, allerdings plus 89 Cent pro Meile. Da am Samstag Marius’ 30. Geburtstag gefeiert wurde, hatte ich die Abholung auf 11 Uhr gelegt, um meinen Helfern (und mir) genug Zeit zu geben, sich von der Party zu erholen. Um 17 Uhr schloss die Mietstation, aber eigentlich sollte das doch klappen, dachte ich mir, denn soviel Zeug habe ich ja nicht…
Der 22-Fuß-LKW war eine absolute Schrottkiste, ein Ford-Benziner mit über 300.000km auf dem Buckel. Mit Stirnrunzeln nahm ich zur Kenntnis, dass der Uhaul-Mitarbeiter das Feld “Bestehende Vorschäden” nicht ausgefüllt hatte. Na gut, vermutlich würde das eine Weile dauern, und es war schon 11:30 Uhr, also Bedenken beiseite und losgefahren, schließlich hatte ich auch die Vollkasko-Versicherung dazugekauft. Der Laster fuhr sich wie auf Schwämmen, und beim Rechtsabbiegen kamen klägliche Geräusche von der Hinterachse.
Obwohl wir uns reichlich Zeit ließen und Geburtstagskind Marius eine Stunde zu spät kam, hatten wir zu dritt alles in weniger als zwei Stunden verladen. Da ich den LKW eine Nummer größer gewählt hatte, mussten wir uns keine Gedanken übers Platzsparen machen und nicht alle Möbel zerlegen. Die absoluten Zeitsparer und Rückenschoner waren aber die beiden Sackkarren, die man für $8 bzw $11 (mit Gurt für große Sachen und treppenfähig) mit ausleihen konnte. Ab jetzt nie wieder ein Umzug ohne!
Jetzt wurde es spannend: War ein Parkplatz direkt vor meiner neuen Wohnung frei? Nicht um dort zu parken, sondern um freien Zugang zu haben. Ein Fußweg wurde leider vergessen, so dass man zwischen parkenden Autos durchlaufen muss, was z.B. mit einer Couch auf dem Arm etwas schwierig war. Doch wir hatten Glück. Ich rief meinen Kollegen Jim an, der seine Hilfe angeboten hatte, um ihn zu bitten, uns beim Ausladen zu helfen. Das stellte sich später als etwas überflüssig heraus, denn der Weg vom LKW zur Wohnungstür betrug 5m und eine Treppe, und als er eintraf, war nur noch die Couch auf der Ladefläche, die wir dann zu dritt in die Wohnung trugen. Der Geruch war noch da. Ich fragte meine Umzugshelfer, doch die konnten nichts riechen. War ich zu empfindlich?
Es war noch nicht einmal 15 Uhr, und alles war erledigt. Exzellent! Ich startete die Schrottkiste, um zurück zum Uhaul-Stützpunkt zu fahren. In der Ausfahrt vom Parkplatz des Apartmentskomplexes kam mir jemand entgegen, also lenkte ich etwas nach rechts, um Platz zu machen. Plötzlich gab es einen lauten Rumms von rechts oben, der in ein Knirschen überging. Ich war gegen ein Zierdach gefahren, dass das eine Ende meines Apartmentgebäudes schmückte. Mein erster Gedanke war, ob das Gebäude Schaden genommen hatte, denn die kellerlose Holzkonstruktion wurde ganz schön durchgerüttelt. Der zweite Gedanke galt meiner Versicherung, die ich zum Glück dazugekauft hatte. Eine kurze Inspektion zeigte, dass die Schäden eher glimpflich waren. Am Holzbalken des Hauses waren nur ein paar Lackspuren zu sehen, die man aber nur wahrnahm, wenn man wusste, was passiert war. Am Dach des LKW war der Lack ziemlich übel zerkratzt, aber an genau der gleichen Stelle hatte bereits jemand vor mir genau das gleiche veranstaltet, nur sehr viel übler.
Ohne weitere Reibereien konnte ich gerade vom Dach wegziehen. Ich fuhr zur Station und versuchte auf dem Weg meine nagende Ungewissheit zu verdrängen. Auf den Uhaul-Mitarbeiter wartend las ich mir noch einmal meine Versicherungsbedingungen durch: Schäden durch Kollisionen am Dach waren explizit nicht gedeckt. Na klasse. Der Mitarbeiter kam, ging zur Inspektion einmal um den LKW herum, füllte den Beleg aus und überreichte ihn mir. Mit einem Blick kam die Erleichterung: “Keine neuen Schäden” war angekreuzt. Ich war wirklich froh, keinen nagelneuen LKW bekommen zu haben…
Die erste Nacht in der neuen Wohnung war wie erwartet unruhig. Die Wände sind extrem hellhörig, und die Zufahrt geht an meinem Schlafzimmer vorbei. Wie auf Bestellung hatte die mexikanische Familie schräg unter mir eine Grillparty, die allerdings gnädigerweise um halb zwölf vorbei war. Meine Wohnung ist unter den Umständen allerdings eine der ruhigsten: Niemand über mir, die Waschküche unter mir, und nur eine gemeinsame Wand mit einem Nachbarn, nämlich hinter meinem Wandkleiderschrank zu deren Badezimmer. Keine lauten Klimaanlagen wie bei der alten Wohnung, nachts höre ich allerdings die Gasheizung, die das ganze Gebäude mit Warmwasser versorgt. Das ist allerdings ein sehr leises und eher beruhigendes Geräusch.
Die Ursache für den komischen Geruch konnte ich nach ein paar Tagen auch finden: Offenbar war das Spülbecken in der Küche irgendwann mal irgendwie undicht gewesen, und der Holz-Küchenschrank darunter hat sehr viel Feuchtigkeit abbekommen. Was ich zuerst für Verfärbungen auf dem Holz hielt, entpuppte sich beim gründlichen Putzen als getrockneter Schimmelpilz, der beim Entfernen allerlei interessante Gerüche von sich gab. Nach dem Reinigen jedenfalls hat sich die Geruchssituation deutlich gebessert. Beim Putzen ging übrigens der Wasserhahn kaputt, so dass ich gleich zwei Gründe hatte, den Hausmeister zu rufen. Der Wasserhahn wurde repariert, am Küchenschrank konnte er aber nichts machen, da jetzt ja keine Feuchtigkeit und kein Geruch mehr da ist. Hm, okay.
Es ist schon erstaunlich, wie schnell man sich an eine weniger luxuriöse Wohnung gewöhnt. Ich vermisse meine alte Wohnung jedenfalls überhaupt nicht mehr, und frage mich, wie ich jemals denken konnte, dass der höhere Preis sich lohnen würde. Neben der Miete spare ich auch Benzin, denn das Büro ist nur 2km entfernt, was auch bedeutet, dass ich mittags schnell mal zum Essen nach Hause fahren kann, was ebenfalls wiederum Geld spart. Alle Einkaufsmöglichkeiten sind mit dem Fahrrad zu erreichen, nur mein Stammsupermarkt Lucky’s nicht. Aber irgendwas ist ja immer…

Jary und Marius chillen in meinem neuen riesigen Wohnzimmer
28. July 2008 in der Kategorie
Wohnen